Da Opa


Es ist Frühling und ich seh mich unter einer kleinen Trauerweide sitzen.
Bank und Tisch sind roh gezimmert. Vor mir plätschert ein Bach und mein Opa sitzt neben mir. Er zeigt auf die Löcher in der Uferwand  und erklärt mir, dass da die Bisamratten drinnen  hausen.  Ein lauer Wind bewegt die Weidenzweige, er nimmt ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und sagt: "Heute zeige ich dir, wie man ein Maipfeiferl schnitzt."
Er schneidet ein Stück Hasel, die gleich daneben wächst und beginnt zu erklären, wie es geht. Schon bald sitze ich da, schnitze herum und klopfe auf dem Stück Holz, dass die Rinde weich wird und sich vom Holz löst. Ganz vorsichtig schiebe ich sie herunter und bald ist das Pfeiferl fertig. Stolz beginne ich darauf herum zu pfeifen. Mein Opa ist in der Zwischenzeit im Haus verschwunden.

Oft habe ich bei meinen Großeltern übernachtet, denn da war Platz genug zum Spielen draußen. Das Mehrfamilienhaus, es war zur Hälfte weggebombt, eine der letzten Ruinen aus dem 2. WK., stand in der Nähe der Eisenbahn, ein Bach begrenzte das Grundstück und trennte es von der Bundesstraße 1, die Grenze für uns Kinder. Bei Hochwasser lief das Wasser bis in den Keller und der Sauerkrautbottich schwamm herum. Wir Kinder spielten dann im See und meine Oma stand Ängste aus, dass wir abgetrieben werden könnten. Es passierte nicht nur einmal, dass ich in den Bach gerutscht bin, weil ich zu neugierig den Fischen oder den Bisamratten zuschaute. Oma schimpfte dann, weil ich wieder einmal nass und voller Matsch war.
Opa konnte gut mit Holz umgehen und er baute uns eine Gartenhütte
um: Viele Nischen gab es dann, Oma nähte uns Vorhänge , kuschelige Polster und gestaltete das Lager, in dem wir auch übernachten konnten. . Es war unser Reich und wir Kinder verbrachten viel Zeit darin, speziell an Regentagen. In der gleichen Hütte lebten an einer Wand auch die Hasen von der Oma.
Ich war traurig, als der letzte Hase in den Kochtopf musste, aber meine Oma wurde zu alt um sie zu versorgen.

Manches Mal am Abend kündigte mir Opa an, dass ich ihn am nächsten Morgen zum Fischfang begleiten könnte. Ich freute mich so darüber und war stolz. Vor Sonnenaufgang ging es zu Fuß los und wir mussten schon eine Weile gehen, bis wir den gepachteten Fischbach erreicht hatten. Die Sonne war im Aufgehen und das Wasser begann zu glitzern. Er zeigte mir, wir man Forellen und Flusskrebse mit der Hand fängt. Bei den Krebsen war es nicht schwer, die Forellen waren schon schwieriger zu erwischen. Er fing in der Zwischenzeit Weißfische mit der Angel.
Stolz brachten wir dann den Fang nach Hause. Er fing nie mehr, als er am selben Tag für ein Taschengeld an Freunde verkaufte. Ich erinnere mich, dass sich Oma immer beschwerte, dass seine Freunde die Forellen bekamen und zum Kochen die grätenreichen Weißfische übrig blieben. Silbern glänzten ihre Schuppen, wenn sie sie ausnahm.

Er wusste, wie er mir Freude bereiten konnte. Wenn er allein unterwegs war, kam er selten mit leeren Händen nach Hause. In seinen Taschen hatte er immer etwas versteckt. Entweder frische Haselnüsse oder manches Mal sogar einen Schoki.
Seine Beziehung zu den Bienen ist mir sehr lebhaft in Erinnerung. Die Bienenhütte stand bei seinem Bruder im Garten. Dieser hatte ein Holzhaus nicht weit weg vom Wald.
Oft verschwand er in dieser Hütte und kam erst gegen Abend wieder heraus. Ich schaute ihm gern bei der Arbeit zu und liebte den Geruch in der Hütte. Es fühlte sich an, als wäre ich in eineranderen Welt. Ich hörte nur das leise Summen der Bienen, er erklärte mir, wie und wann  man sie füttert und dass die Hornisse ein Bienenräuber ist. Besonders aufregend fand ich es, wenn der Honig aus den Waben geschleudert wurde. Da versammelte sich dann die ganze Verwandtschaft. Er war immer sehr aufgeregt, ob der Honig noch flüssig genug war, um ihn auch aus den Waben zu bekommen. Besonders wachsam war er beim Lärchenhonig. Er erklärte mir, ein paar Tage zu lang in der Wabe und der Honig ist zu fest und kann nicht mehr geschleudert werden. Ich liebte es, das abgedeckelte Wachs zu naschen. Es war für uns Kinder ein Kaugumnmiersatz.
 
Manches Mal erzählte er etwas aus seiner Jugend.
Mein Opa war bei der Eisenbahn und konnte damals um wenig Geld oder gratis mit der Eisenbahn fahren. Ich saß dann immer gespannt da, denn es waren Geschichten, die er mit einem Freund in anderen Ländern erlebt hatte. Bis Istanbul ging einmal seine Reise. Über die Zeit während beider Kriege erzählte er selten etwas. Höchstens wie er Essen für seine Familie organisiert hatte. Es war ein Tabu.
Wenn es Streit gab zwischen den Großeltern, dann ist er hinaus in den Wald und an den Bach oder hat mit seinen Freunden ein Bierchen getrunken. Ich durfte ihn dann heimholen, wenn er vergessen  hatte, wie spät es war. Mir war er nie böse.  
In den 70er Jahren wurde das Grundstück von einer Genossenschaft gekauft, das Haus und alle Hütten darauf geschliffen, der Bach verlegt. Den Großeltern wurde eine Ersatzwohnung zur Verfügung gestellt. Und der Satz: "Einen alten Baum sollte man nicht versetzen" traf auf sie zu. Beide wurden innerhalb kurzer Zeit stark dement, Opa starb als erster, Oma lebte noch zwei Jahre im Pflegeheim, bevor sie ihm folgte.

Viele schöne Stunden durfte ich mit meinem Opa verbringen. Er ließ mich nie spüren, dass er Angst hatte mir könnte was passieren, aber seine wachsamen, beobachtenden Augen sind mir in guter Erinnerung, genauso wie sein verschmitztes Lächeln.  Er hat nie viel geredet, er war und ich war mit ihm. Ich bin dankbar dafür.

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Kommentare: 1
  • #1

    Wolfgang Wallner-F. (Dienstag, 10 März 2015 12:32)

    DIE MUSIK IN UNS - IN MIR hat mir sehr gefallen. Das heißt nicht, dass mir sonst nichts gefiel, im ersten Augenschein sogar sehr viel. Liebe Grüße Wolfgang