Begegnung mit mir

Als Studentin und auch ein paar Jahre später noch als jungen Lehrerin waren geführte Bergtouren in einer Gruppe ein Teil meiner Ferienplanung. Obwohl immer der Weg zur Hütte die erste Herausforderung war, denn mit einem Rucksack, gepackt für eine Woche zog sich diese Strecke. Manches Mal ging es bei ärgsten Regen los und Schnee erwartete uns weiter oben. Aber die Touren, die wir dann gingen waren einfach wunderschön.
Teilweise am Seil - über Schneefelder steil auf einen Gipfel oder eben durch felsiges Gelände auf einen Gipfel.

Unser bevorzugtes Gebiet damals waren die Gipfel an der Grenze Tirols zu Italien.

Wir übernachteten in Biwakschachteln durch die der Wind durchzog, aber auch in gemütlichen kleinen Hütten. Ich erinnere mich noch gut an eine Tour auf den Similaun. In der Nacht graupelte es und wir hörten das Staccato der Eiskristallle auf dem Blechdach. Am Morgen war das Wetter zu schlecht um loszugehen und wir hatten einen Tag Zwangspause. Einen Tag darauf ging es so halbwegs. Wir hatten einen versierten Bergführer , der dieses Gebiet wie seine Westentasche kannte. Gesichert durch das Seil marschierten wir los, es war kein Traumwetter. Es schneite leicht aber die Tour war machbar, denn es ging nicht durch ausgesetztes Gelände. Der Schneefall wurde mehr, die Sicht nicht besser und beim Gipfelkreuz stürmte es. Schnell wieder umgedreht und zurück ging es in die Hütte.
Auch den Marsch auf die Hohe Weiße, die Rötelspitze und den Peitlerkofel ist mir in guter Erinnerung.
Die Zeiten änderten sich durch Heirat und Muttersein, vor allem das Freizeitverhalten. Viele Jahre bewegte ich mich in den Sommerferien hauptsächlich im Ahrntal, denn da war es mit den Kindern einfacher und durch verschiedene Umstände rückte auf einen Gipfel gehen in weite Ferne.

Aber mein Traum war es immer noch nicht mit einer Seilbahn die Höhenmeter zu überwinden, sondern mit meinem eigenen Körper.

Letzten Mittwoch war es so weit.

Auf den Kamper soll es gehen mit einem lieben Freund. Er bezeichnet ihn als Trainingsberg, denn er hat alles, was zu einer Bergwanderung dazugehört. Almweg, Serpentinen durch einen Wald, queren einiger Hänge , steile Abschnitte und auch das Gehen auf dem Fels. Alles nur kurze Abschnitte, aber ich kann mich dabei testen, was für mich gehbar ist, oder wo mein Hirn streikt, denn ich hatte ja jahrelang keine Übung mehr darin. Aber auch praktischer Unterricht im Bergaufgehen. Schrittlänge, Atem, mit oder ohne Rucksack, mit oder ohne Stöcke, worauf aufpassen, welche Hilfen bietet mir die Natur, der Berg an.
Der Start auf einem Wiesenweg , Nebel. Bei einer Quelle mich mit dem Wasser des Ortes verbunden, weiter gehts dann durch ein Tor, ein entwurzelter Baumstamm, der quer über dem Weg hängt, bewachsen mit Zunderschwämmen hinein in den Buchenwald. In Serpentinen schraubt sich der schmale Weg bergauf. Es ist sehr still heute. Vielleicht dämpft der Nebel die Geräusche.
Immer weiter hinauf, an durch Windwurf umgerissenen Bäumen vorbei, nur mehr das nackte Skelett sichtbar. Mit mir selbst beschäftigt, mit meinem Atem mit meinen Schritten. Immer weiter nach oben geht es. Ein paar Felsnasen werden sichtbar, Kanzeln nennt man sie. Sie leuchten schon in der Sonne, wir haben dir Nebelwand durchbrochen. Wie schön ist es hier.
Immer wieder Pausen und ein paar Erklärungen, Erläuterungen zur Landschaft. Ich höre zu, denn ich lerne so gerne und mein Wegbegleiter hat eine große Schatzkiste an Wissen, das er begeistert teilt.

Es wird steiler, wir kommen ins Latschengebiet und somit in den felsigen Bereich. Ein kurzes Stück mit einer Seilversicherung, ein paar Schritte noch und wir sind am Gipfel. Ich freu mich wie ein kleines Kind, denn ich bin schon sehr lange nicht mehr auf einem Gipfel gestanden, den ich ergangen bin.
Vor uns breitet sich das Nebelmeer aus. Uns gegenüber die leicht angezuckerten Flanken der Berge. Die Sonne steht schon sehr tief und nach einer kurzen Rast geht es wieder bergab. Nochmals eine Herausforderung, denn ich bin ja schon ein wenig müde. Durch das Tor durch und wir sind auf dem Wiesenweg. Dichter Nebel hüllt uns wieder ein und es ist fast dunkel. An der Quelle nochmals bedankt und dann gehts wieder Richtung Molln.

Es war wunderschön. Ja es gab Momente in denen ich kurz überlegt habe: Weiter oder nicht, denn ich stellte mir die Passage bergab vor. Es war nicht so sehr die Frage: Erreiche ich den Gipfel? Das Gehirn hat schon eine ordentliche Macht. Aber mein Wegbegleiter hat sehr umsichtig die Pausen gewählt und mir durch Erzählungen über diese Momente hinweggeholfen.

Eine Botschaft war dabei für mich: Schau beim Gehen nicht nach rückwärts, orientiere dich am Ziel und geh zielgerichtet darauf zu. Es ist nicht wichtig welche Zeit ich brauche für den Weg, es ist nur wichtig zu gehen. Wo ist mein Ziel und da ist egal, ob ich bergauf oder bergab gehe.

Ich lernte auch wieder einiges über mich: Das einzige was man aufgibt ist ein Brief!

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  • #1

    Wolfgang Wallner-F. (Dienstag, 10 März 2015 12:32)

    DIE MUSIK IN UNS - IN MIR hat mir sehr gefallen. Das heißt nicht, dass mir sonst nichts gefiel, im ersten Augenschein sogar sehr viel. Liebe Grüße Wolfgang